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Gottfried Helnwein


















STRAWINSKY'S TEUFELSWERK AN DER OPER













































Das Haus an der Dammtorstrasse zeigt einen Klassiker der Moderne: Juergen Flimm inszeniert "The Rake's Progress", Ingo Metzmacher dirigiert, und Gottfried Helnwein schuf das aussergewoehnliche Buehnenbild.

Der Maler, Fotograf, Bildhauer und Buehnenbildner Gottfried Helnwein gestaltet Buehne, Kostueme und Masken - nach Joerg Immendorff ist er der zweite Maler, der sich an die Strawinsky Oper wagt.

Im Gegensatz zu dem Duesseldorfer Neuen Wilden geht Helnwein allerdings mit dem fotografischen Auge eines Kameramannes und mit grossem Feingefuehl als Kostuem- und Maskenerfinder zu Werke.

"Was Gottfried Helnwein da gemacht hat, ist gewaltig," sagt der amerikanische Bassbariton David Pittsinger, ein erfahrener Strawinsky-Interpret, der in der Inszenierung den Teufel Nick Shadow singen wird. "Die Kostueme hat er als Maler entworfen, die Farben entsprechen den Klangfarben der Musik und denen der Figuren im Libretto," schwaermt der Saenger, dessen Lehrer Richard Cross noch selbst mit Strawinsky gearbeitet hatte.

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Igor Strawinsky und Hamburg - das ist eine Geschichte inniger Verbundenheit. Alle wichtigen Werke des russischen Komponisten wurden in der Hansestadt gespielt, einige erlebten an der Elbe sogar ihre Urauffuehrung. "The Rake's Progress", die einzige abendfuellende Oper des Meisters, kam 1951 an die Dammtorstrasse. Jetzt wagt sich Juergen Flimm, der 15 Jahre lang die Geschicke des Thalia Theaters lenkte, an das Werk. Premiere ist kommenden Sonntag. "The Rake's Progress" ist nach 20 Jahren Flimms erste Inszenierung an der Staatsoper.

Der "Werdegang eines Wuestlings", so die deutsche Uebersetzung des Titels, wurde bisher in Anlehnung an Brecht meist als Nummernoper mit Stereotypen statt Menschen inszeniert. Der Geschichtenerzaehler Flimm fasst das Stueck dagegen naturalistisch auf - "vielleicht vergleichbar mit seiner 'Drei Schwestern'-Inszenierung am Thalia", meinte der leitende Dramaturg Christoph Becher. "Ihn interessieren die Menschen, die in den Figuren stecken, ihre Motive."

Der Maler, Fotograf, Bildhauer und Buehnenbildner Gottfried Helnwein gestaltet Buehne, Kostueme und Masken - nach Joerg Immendorff ist er der zweite Maler, der sich an die Strawinsky Oper wagt. Im Gegensatz zu dem Duesseldorfer Neuen Wilden geht Helnwein allerdings mit dem fotografischen Auge eines Kameramannes und mit grossem Feingefuehl als Kostuem- und Maskenerfinder zu Werke. Das Baseball-Cap tief in die Stirn und ueber den Rand der grossen Brillenglaeser gezogen, die schwarze Bomberjacke hoch geschlossen, schleicht er zum Regiepult, wo sich Assistenten und Techniker, Schneider und Maskenbildner draengen.

"Was Gottfried Helnwein da gemacht hat, ist gewaltig," sagt der amerikanische Bassbariton David Pittsinger, ein erfahrener Strawinsky-Interpret, der in der Inszenierung den Teufel Nick Shadow singen wird. "Die Kostueme hat er als Maler entworfen, die Farben entsprechen den Klangfarben der Musik und denen der Figuren im Libretto," schwaermt der Saenger, dessen Lehrer Richard Cross noch selbst mit Strawinsky gearbeitet hatte. Cross wusste viel ueber die Absichten des Komponisten und gab dieses Wissen an seine Schueler weiter.

Zu der Herangehensweise des Malers passe auch die Arbeitsmethode von Juergen Flimm, der, so Pittsinger, die Charaktere ebenfalls nicht nur aus dem Libretto, sondern auch aus der Musik heraus entwickelt habe - in enger Zusammenarbeit mit den Saengern, die als kreative, improvisationsfreudige Schauspieler gefragt waren.

David Pittsinger ist zurzeit einer der weltweit gefragtesten Darsteller des Nick Shadow, Rund 60 Mal hat er in die Partie dieses faustischen Teufels schon gesungen - unter anderem an der New Yorker Met, in Wien und am Bruesseler Theatre de la Monnaie. Wo er als ganz junger Mann einmal mit Ingo Metzmacher gearbeitet hat. Metzmacher wird auch jetzt wieder am Pult stehen - und erhaelt viel Lob von Pittsinger: "Mit dem Taktstock hat er eine perfekte Technik, die der von James Levine ziemlich aehnlich ist. Er dirigiert sehr klar und schlaegt nie ueber die Straenge."

Fuer einen Saenger sei "The Rake's Progress" beim ersten Mal ein Albtraum, "das ist unglaublich hart zu erarbeiten". Sein Kollege, der amerikanische Tenor Bruce Fowler, der naechsten Sonntag als Tom Rakewell in der Hauptrolle debuetiert, wird wissen, was er damit meint. Der Albtraum gewinne aber mit jeder Probe mehr an Magie, "bis sich daraus wie bei einem Puzzle ein wunderschoenes Bild zusammensetzt."

Die Vorlage fuer "The Rake's Progress" bildet ein achtteiliger Bilderzyklus des englischen Malers und Kupferstechers William Hogarth, der in den Jahren 1732 und 1733 entstand und den Werdegang des Wuestlings Tom Rakewell schildert. Durch eine vom teuflischen Nick Shadow vorgetaeuschte Erbschaft geraet der junge Tunichtgut Tom in der Grossstadt London auf die schiefe Bahn, doch am Ende rettet ihn die nie ganz vergessene Liebe zu der reinen, auf dem Lande wartenden Unschuld Anne Trulove vor dem Hoellenschlund.

1967 wurde "The Rake's Progress" zuletzt and der Hamburgischen Staatsoper inszeniert - Strawinsky hatte sich damals den italienischen Komponisten Gian Carlo Menotti als Regisseur gewuenscht. Mittlerweile ist das Werk eine der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts, von vielen grossen Regisseuren in Szene gesetzt: Peter Sellars, Peter Mussbach, Ingmar Bergman, Robert Altman.

"Die Geschichte", meint David Pittsinger, "ist zeitlos. Sie beruehrt das Wesentliche unserer Natur: Seit Anbeginn der Menschheit machen wir dieselben Fehler, tun irgendwelche Dinge aus Neugier, Genusssucht oder anderen Gruenden und merken viel zu spt, dass sie uns unglcklich machen oder zerstoeren." Wenn am Ende, nach einem furiosen Finale, die Waende der Irrenanstalt, in der Tom gelandet ist, zusammengebrochen sind, laesst Flimm die Hauptdarsteller noch einmal hervortreten und sie vorn an der Rampe diese Moral verkuenden - ganz brechtisch mit dem Finger ins Publikum zeigend.

von Katja Engler, Welt am Sonntag, 03. Juni 2001

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