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Gottfried Helnwein


















BEFREIUNG INS SCHWARZE NICHTS













































Aus dem Reich der Verstümmelten und der bandagierten Köpfe: Strawinskys "Rake's Progress" an der Hamburgischen Staatsoper.

Das Eindringen des Horrors in den Alltag hat wohl kaum jemand so beklemmend dargestellt wie der österreichische Künstler Gottfried Helnwein. Auf seinen Bildern nimmt die Gewalt derart Besitz von der Normalität, dass sie zum alles vergiftenden Elixier des Grauens wird. Viele seiner Gemälde, Plakate, Fotografien und Federzeichnungen zeigen Versehrung und Verstümmlung von Menschen, klinische Folterszenen, brutalisierten Kindern mit apathischen Blick, mit verbundenen Köpfen und Händen, oder mit ausradierten Gesichtern. Dennoch schockiert nicht die Inhalte allein: So umfassend scheint vielmehr Helnweins Perspektive auf das Leben vom Gefühl der Qual durchtränkt, dass selbst motivisch harmlosen Porträts, von John F. Kennedy oder Mick Jagger etwa, noch die Gewalt aus jeder fotorealistischen Pore dringt.

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Das letzte Bild in William Hogarths Kupferstichserie "A Rake's Progress" war es, das Strawinsky 1947 im Chicago Arts Insitute besonders beeindruckte: Des Wuestlings grausiges Ende im Londoner Irrenhaus Bedlam, wo der halbnackt am Boden Sitzende gerade in Ketten gelegt wird, umringt von weiteren Insassen, beweint von einer Frau: Von dieser Schlussszene aus sei alles erfunden worden. Der bildenden Kunst haben die Torturen des Wahnsinns immer wieder als abgruendiges, finsteres Motiv gedient: moderne Hoellenqualen, denen Goya oder Otto Dix zunehmend realere Zuege verliehen. Das schlechthin Boese, Graussame und Sadistische harrt nicht langer in einem Jenseits hinter dem Fegefeuer, sondern wird immer staerker als soziale Realitaet erkannt, es wuetet mitten unter uns.

Das Eindringen des Horrors in den Alltag hat wohl kaum jemand so beklemmend dargestellt wie der oesterreichische Kuenstler Gottfried Helnwein. Auf seinen Bildern nimmt die Gewalt derart Besitz von der Normalitaet, dass sie zum alles vergiftenden Elixier des Grauens wird. Viele seiner Gemaelde, Plakate, Fotografien und Federzeichnungen zeigen Versehrung und Verstuemmlung von Menschen, klinische Folterszenen, brutalisierten Kindern mit apathischen Blick, mit verbundenen Koepfen und Haenden, oder mit ausradierten Gesichtern. Dennoch schockiert nicht die Inhalte allein: So umfassend scheint vielmehr Helnweins Perspektive auf das Leben vom Gefuehl der Qual durchtraenkt, dass selbst motivisch harmlosen Portraets, von John F. Kennedy oder Mick Jagger etwa, noch die Gewalt aus jeder fotorealistischen Pore dringt.

Auch als Buehnenbildner und Ausstatter hat sich Helnwein von dunklen Sujets angezogen gefuehlt. In Zusammenarbeit mit Hans Kresnik entstanden drastische Bilderfluten zu "Macbeth" (Heidelberg), "Marat/Sade" (Stuttgart), und "Pasolini" (Hamburger Schauspielhaus). Das sein Blick auf Strawinskys "Rake" nun ein sehr spezieller sein wuerde, war zu erwarten. Weniger freilich, dass ausgerechnet Helnweins wueste Fantasie den Wuestling in einen Zaehmling verwandeln wuerde. Indes interpretiert auch Juergen Flimms Inszenierung die Geschichte vom Irrenhaus-Finale her, und das duerfte Helnwein besonders gereizt haben.

Kuenstlich, eingehegt in einer sterilen Sonderwelt ist das Dasein des Tom Rakewell naemlich von Anfang an. Alles spielt sich in einem relativ engen, perspektivisch leicht verzerrten Innenraum ab, dessen schraege Waende zu Projektionsflaechen eines imaginierten Lebens werden. Auslauf gibt es mittels einer Passerelle um den hochgefahrenen Orchestergraben herum. Natur flimmert vom Video, das in der Anfangszene, einen kitschigen Woelkchenhimmel zeigt, oder vegetiert im Blumentopf: Anne und Tom regieren als Gaertner ein in Reih und Glied stehendes Heer aus Topfpflanzen. Die Personen wirken wie einem Kinderbuch entsprungen, einer Maerchenwelt, die zum Monstroesen mutiert, sobald Nick Shadow auf den Plan getreten ist: Der Himmel verfaerbt sich, es blitzt und regnet Blut von den Waenden. Drastisch brutalisiert erscheint dann die Szene in Mutter Gooses Freudenhaus. Aus Strawinskys Chor der "groelenden Burschen" ist ein Kommando von Glatzkoepfen in roter Ledermontur geworden, das sich mit metallenen Baseballschlaegern bewaffnet hat. Die Bordellmutter erscheint mit Gaensekopf als Zitat von Helnweins Disney-Duck-Bildern. Ahnte man immer schon, dass hinter der dort ausgepinselten lustigen Fassade der blanke Horror steckt, so tritt diese Figur den Beweis dafuer an. Zusammen mit Nick Shadow, der sich vom glatten Entertainer zum zuechtigenden Lehrmeister gewandelt hat, erteilt sie Rakewell, der die Schulbank drueckt, ihre perversen Lektionen. Wenn er sein Lied singt, wirkt er apathisch und gehirngewaschen: All dies ist zuviel fuer einen labilen Schwaermer, wie ihn Bruce Fowler mit lyrisch-empfindsamen Tenorschmelz praesentiert. Seelisch beinahe ausgeloescht erschient Rakewell auch fortan als willfaehriges Opfer aller weiteren Teufelsspiele.

So schluessig diese Deutung in sich auch ist, fehlt es der Inszenierung doch an Stringenz und Dramatik. Die Dynamik des Absturzes wirkt nicht szenisch vollzogen, sondern illustriert. Ein Bildeinfall reiht sich an den naechsten, nicht alle sind sie gleich inspiriert: Schnellstrassen mit rasendem Verkehr und Hochhaeusern etwa bilden einen doch leicht klischeehaften-belanglosen Grosstadtkontrast zu den Schwaermen von Zugvoegeln, die wahrend des "farewell" der beiden Liebenden am Ende der ersten Szene ueber die Leinwaende flattern. Anderes wiederum, wie die Friedhofszene und das Schlussbild, entfaltet eine sehr starke Suggestionskraft. Die Leinwaende sind nun so oed und grau wie Rakewells Inneres. Der Raum bekommt dadurch schon waehrend des Kartenspiels neben Rakewells Grab etwas hoechst Beklemmendes, er erinnert an die Zelle. Zumal man einen solchen steinernen Schacht im bedrohlichen Halbdunkel aus einer Serie aeusserst unangenehmer Federzeichnungen Helnweins schon kennt. Im Irrenhaus tragen dann alle jene blutigen Kopfverbaende, die auf Helnweins Bildern notorisch wiederkehren. Wenn der Raum dann zeitlupenlangsam wie ein Kartenhaus in sich zusammenfaellt und die Truemmer dieses Gefaengnisses der Illusionen wie Teile eines Schiffes am Boden liegen, hat das fast etwas Befreiendes. Jenseits der Zelle freilich segelt man im schwarzen Nichts.

Die musikalische Auffuehrung sei einfach, die szenische Realisierung dagegen heikel, sagte Igor Strawinsky ueber seine Oper. Das war natuerlich masslos untertrieben, denn die virtuose Maskenhaftigkeit dieser mit der Operngeschichte jonglierenden Partitur fordert den Ausfuehrenden eine stets treffsichere Praegnanz und solistische Praezision in allen Stimmen ab. Ingo Metzmacher gelang mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg eine in ihrer kammermusikalischen Transparenz, in ihrer gestischen Vielschichtigkeit und in ihrer dramatischen Zuspitzung bezwingende Interpretation: ein insgesamt lyrischer, auch sehr expressiver Strawinsky, der weder schneidende Kaelte noch eindimensionales streamlining kennt. Saengerisch ueberzeugte neben Bruce Fowler als Rakewell vor allem David Pittsinger als rollenerfahrener Shadow. Gabriele Rossmanith haette man in der Partie der Anne Trulove eine etwas weichere Tongebung gewuenscht.

von Julia Spinola, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
12. Juni 2001

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