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Gottfried Helnwein


















ZIEHENDE WOLKEN













































Strawinskys Opera "The Rake's Progress" in Hamburg

Flimm gewann fuer Buehne und Kostueme Gottfried Helnwein, der angeblich notorisch Drastik und Provokation sucht, zunaechst aber ein ingeniser Bildmacher ist. Ein Maler, Grafiker und Fotograf. Das verbindet ihn mit William Hogarth, dem englischen Kupferstecher, dessen Bilderzyklen Strawinsky zur Oper inspirierten. Doch 250 Jahre spaeter setzt Helnwein nicht bei Hogarth und seiner realistisch genauen Darstellung der Londoner Casinos, Lusthoellen und Irrenhaeuser an.

Helnwein arrangiert eine magische Zeitlosigkeit durch praezise Rekostruktion konkreter Stile und zugleich fantasiegeborener Kreationen. Selten erlebte man die plastische Wirkungskraft von Kostuemen so intensiv wie in Helnweins schiefem, nach rechts sich neigendem Kubusraum, in den zur Linken drei Tueren eingelassen sind und dessen hellweisse Flaechen immer wieder Bildprojektionen dienen, Kostueme und Bilder sind von ausgesuchtem Antipsychologismus, von entwaffnend stereotyper Symbolik, so wie Audens und Kallmans Text, wie Strawinskys Musik.

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Zu entscheiden, ob Igor Strawinsky ein Russe mit amerikanischem Pass oder ein Amerikaner russischer Herkunft gewesen ist, scheint muessig - sein Leben und seine Musik waren kosmopolitisch. Fuer die Feier seines achtzigsten Geburtstages 1962 stellte das jedoch ein Problem dar. Um die Praesidenten Kennedy und Chruschtschow, die ihn aus diesem Anlass einluden, nicht zu brueskieren, folgte Strawinsky dem Rat von Rolf Liebermann und feierte - in Hamburg. Es wurde ein schoenes Fest an der Staatsoper mit Ballett und einem Operngastspiel aus London: "The Rake's Progress", die einzige abendfuellende Oper des Komponisten.

Nun feiern Strawinsky und Hamburg wieder. Fuenzig Jahre sind seit der Urauffuehrung der "Karriere eines Wuestlings" in Venedig vergangen, und der Regisseur Juergen Flimm verbucht zwanzig Jahre als Opernregisseur. Hier am Ort gab er sein Debuet: einen skandal-umtoste Inszenierung von "Hoffmanns Erzaehlungen", die viel zu schnell abgesetzt wurde. Flimm kehrt an die Dammtorstrasse zurueck, und ein wenig ahnt man noch in dieser Arbeit, was er einst dem Musiktheater in Amsterdam und Zuerich hat geben koennen.

Hier ist es die Magie des Raumes, der zur Musik wird, Musik, die zum Raum wird; obwohl "The Rake's Progress", Strawinskys Abschiedswerk von der Neoklassik, wirkungsaesthetisch kaum weiter entfernt von Wagners Tricksereien sein koennte, etwa dem "Parsifal", der solche Transformationen propagiert. Flimm gewann fuer Buehne und Kostueme Gottfried Helnwein, der angeblich notorisch Drastik und Provokation sucht, zunaechst aber ein ingeniser Bildmacher ist, ein Maler, Grafiker und Fotograf. Das verbindet ihn mit William Hogarth, dem englischen Kupferstecher, dessen Bilderzyklen Strawinsky zur Oper inspirierten. Doch 250 Jahre spaeter setzt Helnwein nicht bei Hogarth und seiner realistisch-genauen Darstellung der Londoner Casinos, Lusthoellen und Irrenhuser an.

Helnwein arrangiert eine magische Zeitlosigkeit durch praezise Rekostruktion konkreter Stile und zugleich fantasiegeborener Kreationen. Selten erlebt man die plastische Wirkungskraft von Kostuemen so intensiv wie in Helnweins schiefem, nach rechts sich neigendem Kubusraum, in den zur Linken drei Tueren eingelassen sind und dessen hellweisse Flaechen immer wieder Bildprojektionen dienen, Kostueme und Bilder sind von ausgesuchtem Antipsychologismus, von entwaffnend stereotyper Symbolik, so wie Audens und Kallmans Text, wie Strawinskys Musik.

Ihnen gemeinsam ist die Kunstfertigkeit im Mikrokosmos. Nick Shadow, der Teufel, dem die Seele des Tom Rakewell fuer allerlei Reichtuemer und Lustbefriedigungen nach einem Jahr zufallen soll, erscheint im eleganten magisch-roten Seidenanzug, die Fuesse umwehen Rauchschwaden, die auch stets sachte aus den Koffern daempfeln, die er mit sich fuehrt; Anne Truelove, Toms Braut, die dieser Tom schnell in London vergisst, ist zwischen Tulpen eine Unschuld vom Lande, eine hellblondes Provinzgretchen mit Schleife im Haar; ihr unfoermig fetter Vater - der wunderbare Carl Schultz, seit 37 Jahren Ensemblemitglied - tapst in einem Knickerbockeranzug dem Unglueck seiner Tochter hinterdrein.

Tom selbst, der ziel - und haltlose Weissnichtwarum, wandelt sich vom Gaertner zum Dandy. Er erinnert mit seinem zippeligen Baertchen ein wenig an den "Alice in Wonderland" - Dichter Lewis Caroll. In der Stadt geraet Tom in eine Traumgesellschaft, begegnet Frauen in Rokokokrinolinen, ihren Glatzkpoefigen Galanen in roter Lederkluft - ueberbreit ihre Schultern wie bei Rugbyspielern, den Baseballschlaeger parat - , er trifft auf Mother Goose (Renate Spingler), der ein grinsender Gaensekopf auf dem Haupte sitzt, und er heiratet dir Jahrmarktsattraktion Baba the Turk, die Frau mit dem langen Bart (Julia Juon mit Wagnerkraft in der Stimme).

Toms weg fuehrt nicht zu Anne zurueck. Der Teufel reizt seine Macht mit einer Letzten Kartenwette aus - und unterliegt Tom. Der kommt trotzdem nicht davon.

Nicks letzter Gruss, bevor er buehnenwirksam in die Hoelle versinkt: Tom werde wahnsinnig. Im Irrenhaus sitzt er, sich fuer Adonis haltend, und ruft nach seiner Venus. Die findet ihn, aber Anne kann hier nichts mehr fuer Tom tun. Es ist das schoenste und traurigste Bild der Hamburger Inszenierung: Ganz sacht haben sich die Waende in bewegung gesetzt, ueber die Wolken zogen, das Meer toste, die Vogelschwaerme flogen, das Feuer brannte. Nun schweben sie im blauen Licht, nun loest sich aller Weltenhalt auf.

Trotzdem bleibt ein unbefriedigter Rest. Gebremste Spiellaune paart sich mit Schwaechen in der Saengerbesetzung. Bruce Fowler als Tom besitzt eine feste, ein wenig Weisse und letzlich zu kleine Tenorstimme. In der mittellage kann er sich kaum gehoer verschaffen, in den lezten Wahnsinnszenen ist der elegische Schmelz arg bruechig. Gabriele Rossmanith als Anne scheint beinahe ein wenig froh, dass sie Tom am Ende nicht helfen kann. Auch ihr fehlt der stimmliche Nachdruck fuer das grosse Haus - und die Farben, wie heute leider den meisten Opernsaengern. Der teufelische Nick von David Pittsinger mag nicht sehr subtil sein, immerhin is Pittsinger ein praesenter Saenger und Darsteller.

Das ist recht schade, denn Ingo Metzmacher findet in Strawinskys Partitur das Objekt seiner gezirkelten, gespannten Motorik, eine Lakonik der Phrasierung, die hier stimmt - wogegen diese Lakonik bei seinem Wagner und Verdi manch grossen Bogen zerschlaegt. In erstklassiger Form folgen ihm besonders die Blaeser des Staatsorchesters und erfreuen mit genau austarierter Balance der Stimmen, mit Zusammenspiel und rhythmischer Praeegnanz. Bedauerlich, sollte - wie andeutungsweise zu hoeren ist - die Zusammenarbeit von GDM und Orchster durch Missstimmungen keine Zukunft haben. Musikalische Sensationen stellen sich nicht innerhalb von wenigen Saisons ein.

von Goetz Thieme, Stuttgarter Zeitung, 15. Juni 2001

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